Liebe Leserin, lieber Leser,
der in den letzten Jahren eingeleitete Feldzug gegen die Homöopathie führte dazu, dass immer mehr Landesärztekammern Fortbildungen in der Homöopathie aus ihren Angeboten streichen und der Erwerb der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ für Ärzte zukünftig nicht mehr möglich sein wird.
Wie sieht es mit der Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren“ aus? Diese wird es auch weiterhin geben, doch je öfter ich mir das sogenannte „Curriculum“ anschaue, frage ich mich, ob hier nicht kräftig entstaubt werden müsste. So beinhaltet ein Kursblock u. a. Elektrotherapie (mit Reizströmen), Magnetfeldtherapie und Ultraschallbehandlungen. Ganz verstanden habe ich nicht, wieso diese teilweise auf technische Gerätschaften zurückgreifenden Verfahren im Rahmen der klassischen Naturheilkunde referiert werden sollen – sie würden eher in einen Kurs „Physikalische Medizin“ passen. Was ist dagegen mit der Vermittlung modernerer physiotherapeutischer Verfahren wie Osteopathie, Akupunktmassage, dem Einsatz der „Black Roll“ oder Sofort- und Selbsthilfe z. B. bei akutem Hexenschuss?
In der Pflanzenheilkunde soll ausführlich über deren Einsatz bei Magen-Darm-Erkrankungen und psychischen Problemen gesprochen werden. Allein für letzteres Thema wird ein halber Tag taxiert. Ich muss gestehen, dass mir das etwas übertrieben erscheint, denn so breit ist das in der Praxis einigermaßen zügig wirkende Pflanzenportfolio für psychische Probleme nun auch wieder nicht. Phytotherapie bei Herz-Kreislauf-Problemen, Nieren- und Harnwegserkrankungen einschließlich Blase und Prostata scheint mir dagegen zu kurz zu kommen. In einem Kursblock zur Ernährung soll das Erkennen von Mangelernährung vermittelt werden. Pardon – aber das ist eigentlich Aufgabe der Ernährungswissenschaften bzw. Bestandteil der Inneren Medizin insgesamt oder auch der Geriatrie. Aber unabhängig von diesen Beispielen vermisse ich vor allem das „geistge Band“ im Sinne Goethes, das all diese Verfahren verbindet. Naturheilkunde wirkt in vielen Fällen fachübergreifend, vorbeugend und vor allem bei chronischen Zivilisationskrankheiten oft ursächlich – sie stellt damit im Sinne einer weiterentwickelten Hippokratischen Medizin ein gutes Pendant zu den Möglichkeiten der modernen Schulmedizin dar. Würden die Curricula im Bereich Naturheilkunde grundlegend modernisiert, auch unter Verwendung modernerer Begrifflichkeiten, zudem noch praxisrelevanter und nicht zu methodenorientiert vermittelt werden, die Zahl interessierter Ärzte würde vermutlich deutlich steigen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete Weihnachtszeit und ein Jahr 2023, das möglichst vielen Menschen neue Hoffnung und Perspektiven in Zeiten gefühlter Dauerkrisen bieten möge.